Home • Kontakt

Lernende der Kantonsschule Luzern in Aktion. (Fotos: © Christoph Schmitt)

"teaching about" - was soll das sein, was soll das werden?

Inwiefern unterscheidet sich „teaching about religion“ inhaltlich, aber auch in Planung und Gestaltung des Unterrichts von „teaching in religion“? Ist es legitim, einen bekenntnisfreien Religionsunterricht in Abgrenzung vom herkömmlichen zu definieren, oder ist das der falsche Weg? Ist „teaching about religion“ ein Unterricht, der lediglich um spezifisch konfessionelle Elemente reduziert wird, quasi ein ausgedünntes „teaching in“? Welche Selbstverständnis muss ich als Lehrperson entwickeln? Welche Rolle spielt meine eigene weltanschauliche Position, meine eigene Religiosität in einem solchen Fach? Das sind in vielen diskursiven Kontexten der letzten Zeit die Leitfragen – gestellt von Studierenden ebenso wie von Lehrpersonen mit langjähriger Unterrichtspraxis im „teaching in religion“. Die didaktische Plattform will sich zu einem Netzwerk entwickeln, in dem diese und viele anderen Fragen aufgenommen und diskutiert werden können.


An welcher Theorie soll sich das „neue Fach“ orientieren?

Es gibt diese Plattform auch deshalb, weil eine spezielle Fachdidaktik im Sinne einer Theorie des Unterrichtens von „teaching about religion“ erst im Entstehen begriffen ist. Beim „teaching about“ ist der normative Bezugspunkt nicht mehr eine christlich-theologisch fundierte Hermeneutik. Religiöse Phänomene und Gegenstände werden hier nicht mehr von einer theologischen Warte aus thematisiert. Die christliche Theologie kommt als dominierende oder normative Bezugswissenschaft nicht in Frage. „Theologien“ sind Disziplinen der Selbstvergewisserung einer jeweiligen Religion. Als solche sind sie auch im „teaching about“ wichtige Gesprächspartner. Darüber hinaus kommt aber der Religionswissenschaft, die sich jenseits von Philosophie und Theologie wissenschaftlich mit dem Thema Religion und dem Erlernen der „Sprache Religion“ befasst, eine zentrale und moderierende Rolle zu¹. Die Referenzpunkte für das „teaching about religion“ finden sich in den Disziplinen der Religionswissenschaft.

Wo liegen Unterschiede zwischen „teaching in“ und „teaching about“

Theologien sind wissenschaftliche Selbstthematisierungen einer konkreten Religion, sie leben aus dem jeweiligen Glauben, dienen dessen Vollzug und Reflexion und werden im Rahmen der jeweiligen Glaubensgemeinschaft verantwortet, so Jürgen Lott.

"teaching about religion" hingegen untersucht diese Selbstthematisierungen religiöser Erfahrungs- und Deutungsmuster mit „säkularen Instrumenten“. „teaching in religion“ lässt sich auf die ersten und letzten Fragen des Menschen im Licht einer jeweiligen Religionsgemeinschaft ein und gibt Antworten. Der bekenntnisfreie Religionsunterricht gibt in diesem Sinne keine Antworten sondern analysiert und vergleicht die unterschiedlichen Antworten, die es gibt.

Er nimmt Religion als einen kulturellen Diskurs, der sich von anderen Diskursen nicht durch einen besonderen Gegenstand unterscheidet, sondern der die Gesamtheit menschlicher Kulturleistungen in einen Erwartungsrahmen des Letztgültigen stellt². Für das „teaching about religion“ bildet dieser „Erwartungsrahmen des Letztgültigen“ nicht den normativen Bezugspunkt - das wäre „teaching in religion“.

Die Aufgabe des „teaching about“ besteht darin, den „Erwartungsrahmen des Letztgültigen“ selbst zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse zu machen, sprich danach zu fragen, „welche Systeme, Institutionen, Diskurse, Symbole und Begriffe funktional dem entsprechen, was sich in europäischen diskursiven Traditionen als ‚Religion‘ etabliert hat und ständig neu etabliert – unter je sich verändernden Merkmalen und Bedingungen“ (von Brück, 13).


Welche Aufgaben ergeben sich daraus für das Fach?

Das Fach soll einerseits, so geben das auch etliche gymnasiale Lehrpläne vor, über die wichtigsten und einflussreichsten Weltreligionen informieren und den Lernenden dabei helfen, interreligiöse und interkulturelle Dialoge zu verstehen und mitzugestalten. Das setzt wiederum voraus, dass sich die Lernenden einen professionellen Begriff von „Religion“ bilden, und damit ist gemeint, dass Religion nicht „als feststehender ‚Gegenstand‘ betrachtet werden [kann], der, einmal gegeben, gleichbleibend, unabhängig von Raum und Zeit des Beobachters, beschrieben werden könnte. Durch unsere Beschreibung gestalten wir den Gegenstand mit. Wir stehen der Geschichte nicht unabhängig und von außen her deutend gegenüber, sondern Geschichte ist unsere Deutung, zwar nicht völlig subjektiv, aber in einer Gemeinschaft von Interpreten intersubjektiv“ (von Brück, 14). Hier liegt eine der Herausforderungen an das „teaching about religion“, die von Brück als selbstkritische, historische Hermeneutik im wissenschaftlichen Umgang mit dem Phänomen der Religion bezeichnet, als eine Hermeneutik, die „die Methoden ihrer Verstehensprozesse als gegenseitige abhängige Faktoren im Prozess der Geschichtsbildung der Religion(en) selbst begreift“ (von Brück, 15).

Ein Religionsunterricht, der sich diesen Anliegen stellt, beschränkt sich also nicht – wie manchmal vermutet wird - auf das blosse Darstellen unterschiedlicher religiöser Traditionen und auf das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen ihnen. Er sieht seine Aufgabe darin, über religiöse Traditionen (auch über die eigenen) kritisch zu werden um deren historische und systematische Bedingtheit zu erkennen, denn erst diese selbstkritisch-historische Hermeneutik lässt sowohl die Ursprungsreligion als auch die anderen Religionen des Lehrplans in ihren ganz spezifischen Eigenarten sichtbar werden.


Ein wichtiges Lernziel des „teaching about“


Lernende verstehen, dass die Art und Weise, wie wir hier bei uns Religion ausbuchstabieren, nur eine Möglichkeit unter anderen ist, und dass unsere Vorstellungen und unser Sprechen von Religion nur in diesem Sinne normativ sind. Der Grund für diese nur vorläufige Normativität liegt einerseits in ihrer Geschichtlichkeit und andererseits in ihrer lokalen Eingrenzung. Mit diesem Verständnis wäre schon viel erreicht hinsichtlich der Auseinandersetzung mit so genannten Weltreligionen. Wer „Religion“ als Phänomen verstehen will, muss kritisch werden können über die eigene Form der Auseinandersetzung mit  Religion. Das scheint mir eine der grösseren Herausforderungen an das neue Fach und seine Lehrpersonen zu sein.

In diesem Sinne versteht sich auch unsere Plattform als ein Ort, an dem möglichst viele Beteiligte aus möglichst unterschiedlichen Traditionen und Kulturen von Religionsunterricht miteinander in Kontakt kommen – um miteinander an einer innovativen Fachdidaktik zu arbeiten, die sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt.

In der Schweizerischen Gymnasiallandschaft erfährt das Fach Religion in den letzten Jahren eine schleichende Marginalisierung. Die Plausibilität für das Fach, für seine Formen und Inhalte muss derzeit an verschiedenen Baustellen der Bildungslandschaft gleichzeitig unter Beweis gestellt werden. Die Chance, dass es das Fach auch in Zukunft im Kanon der Gymnasialbildung geben wird steigt in dem Mass, in dem es uns gelingt, dessen kulturelle Bedeutung unter Beweis zu stellen.

(Christoph Schmitt)

 

Fussnoten

¹Vgl. Jürgen Lott, Religionsuntericht in Bremen: Sonderfall oder Lehrbeispiel?, in: B. Luchesi/Kocku von Stuckrad (Hrsg.), Religion im kuturellen Diskurs, Berlin/New York 2004, 479-492, 488f.

²Vgl. Michael von Brück, Einführung in den Buddhismus, Frankfurt am Main/Leipzig, 2007, 12.